In Prag (und anderswo)

„Was [die] ausdifferenzierte, doch starre Gesellschaftsformation am wenigsten vertrug, war jegliche soziale Unschärfe: ironische Distanz ebenso wenig wie den spielerischen Umgang mit sozialen Markierungen. Betrachtet man historische Fotos aus der Zeit [um 1900], so wird dies augenfällig allein an der strikten Kleiderordnung, die den jeweiligen Status genau widerspiegelte und es damit ermöglichte, fremde Personen in der Großen Hierarchie rasch zu verorten. Auf den Gedanken, bestimmte Merkmale der Bekleidung bloß zu zitieren, verfielen nur Menschen, die mehr scheinen wollten, als sie waren: Das war kein Spaß, sondern Hochstapelei. Und Freizeitkluft gab es überhaupt nicht, da jede soziale Rolle in Kraft blieb, solange der Betreffende öffentlich sichtbar war. Ein höherer Beamter blieb selbstredend auch nach Dienstschluss höherer Beamter, und er hatte keinerlei Anlass, die Kleidung, die ihn sozial kenntlich machte, nur deshalb zu lockern, weil er an seinem Stammtisch saß, mit seiner Gamahlin promenierte oder im Reisezug an die Ostsee fuhr. Der Begriff ‚Freizeit‘ war völlig ungebräuchlich, da man ihn nicht brauchte: Alltagspraktisch entscheidend war die Grenze zwischen innen (zumeist die Familie, manchmal auch nur das Schlafzimmer) und außen (alles übrige), nicht jedoch die Grenze zwischen Dienstzeit und frei verfügbarer Zeit.

Besonders ernst genommen wurden Merkmale offiziellen Charakters, also verliehene Merkmale wie Uniformen, Dienstmützen, Armbinden, Abzeichen, aber auch Titel jeder Art. Der Respekt vor solchen Erkennungszeichen wurde bereits Kindern im Vorschulalter eingebläut, mit dem durchaus erwünschten Effekt, dass ihnen der Schutzmann mit Federhut, Säbel und Revolver, der Parkwächter, der immerhin mit einem Stock bewaffnet war, der Mauteinnehmer an der Brücke […], ja selbst der einfache Hotelportier zur autoritativen Figur wurde, die man stets mit Scheu beobachtete – allein deshalb, weil alle diese Leute offenkundig im höheren Auftrag handelten.“

Aus: Stach, Reiner: Kafka. Die frühen Jahre. 4. Aufl. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2015. S.108-109