Zitate

In Prag (und anderswo)

„Was [die] ausdifferenzierte, doch starre Gesellschaftsformation am wenigsten vertrug, war jegliche soziale Unschärfe: ironische Distanz ebenso wenig wie den spielerischen Umgang mit sozialen Markierungen. Betrachtet man historische Fotos aus der Zeit [um 1900], so wird dies augenfällig allein an der strikten Kleiderordnung, die den jeweiligen Status genau widerspiegelte und es damit ermöglichte, fremde Personen in der Großen Hierarchie rasch zu verorten. Auf den Gedanken, bestimmte Merkmale der Bekleidung bloß zu zitieren, verfielen nur Menschen, die mehr scheinen wollten, als sie waren: Das war kein Spaß, sondern Hochstapelei. Und Freizeitkluft gab es überhaupt nicht, da jede soziale Rolle in Kraft blieb, solange der Betreffende öffentlich sichtbar war. Ein höherer Beamter blieb selbstredend auch nach Dienstschluss höherer Beamter, und er hatte keinerlei Anlass, die Kleidung, die ihn sozial kenntlich machte, nur deshalb zu lockern, weil er an seinem Stammtisch saß, mit seiner Gamahlin promenierte oder im Reisezug an die Ostsee fuhr. Der Begriff ‚Freizeit‘ war völlig ungebräuchlich, da man ihn nicht brauchte: Alltagspraktisch entscheidend war die Grenze zwischen innen (zumeist die Familie, manchmal auch nur das Schlafzimmer) und außen (alles übrige), nicht jedoch die Grenze zwischen Dienstzeit und frei verfügbarer Zeit.

Besonders ernst genommen wurden Merkmale offiziellen Charakters, also verliehene Merkmale wie Uniformen, Dienstmützen, Armbinden, Abzeichen, aber auch Titel jeder Art. Der Respekt vor solchen Erkennungszeichen wurde bereits Kindern im Vorschulalter eingebläut, mit dem durchaus erwünschten Effekt, dass ihnen der Schutzmann mit Federhut, Säbel und Revolver, der Parkwächter, der immerhin mit einem Stock bewaffnet war, der Mauteinnehmer an der Brücke […], ja selbst der einfache Hotelportier zur autoritativen Figur wurde, die man stets mit Scheu beobachtete – allein deshalb, weil alle diese Leute offenkundig im höheren Auftrag handelten.“

Aus: Stach, Reiner: Kafka. Die frühen Jahre. 4. Aufl. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2015. S.108-109

Zeit

„Die Zeit bewegte sich in zwei Richtungen, denn jeder Schritt in die Zukunft beinhaltete eine Erinnerung an die Vergangenheit, und auch wenn Ferguson noch nicht einmal fünfzehn war, hatte er schon genug Erinnerungen angesammelt, um zu wissen, dass die Welt um ihn herum ständig von der Welt in seinem Inneren geprägt wurde, so wie das Erleben der Welt auch bei allen anderen von ihren eigenen Erinnerungen geprägt wurde, und auch wenn alle Menschen durch den Raum, den sie teilten, miteinander verbunden waren, unterschied ihre jeweilige Reise sich durch die Zeit, soll heißen, jeder Einzelne lebte in einer etwas anderen Welt als seine Mitmenschen.“

Paul Auster: 4 3 2 1, S. 506

 

Irritationen

„Neben Sicherheit und Rationalisierung bringt ein gemeinsamer Alltag auch Irritationen mit sich. In seinem Buch Was sich liebt, das nervt sich hat der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann die kleinen Ärgernisse untersucht, die Paare im Alltag erleben. Er beschreibt sie als kleine Irritationen, die entweder den Charakter eines Menschen („warum liest du ausgerechnet Zeitung, während ich aufräume?“, „warum wirfst du mir immer vor, ich würde mich nicht genug um dich kümmern?“) oder seine Art und Weise, mit Dingen umzugehen, betreffen („warum schraubst du nie den Deckel richtig zu?“, „warum schnüffelst du immer am Essen herum, bevor du ißt?“). Diese Irritationen beziehungsweise ihr Anlaß, relativ kleine oder unbedeutende Gesten oder Wörter, scheinen eine typisch moderne Erfahrung zu sein, in der sich ein neues Verständnis und eine neue Organisationsform von Beziehungen widerspiegelt. Kaufmanns Analyse gewährt keine Einsicht in die Gründe, warum das moderne Alltagsleben einen so fruchtbaren Boden für diese Form von „Gereiztheit“ bietet. Meines Erachtens verdanken sich derartige Irritationen der Art und Weise, wie Häuslichkeit durch institutionalisierte Nähe und Intimität organisiert wird, wie wir dies nennen könnten.
Intimität wird durch verschiedene sprachliche Strategien hergestellt, die alle darauf abzielen, die Distanz zwischen zwei Menschen abzubauen. Zu diesen Strategien gehört es etwa, tiefere Schichten seiner Identität zu offenbaren, einander seine am besten gehüteten Geheimnisse zu verraten, sein Inneres ungeschützt preiszugeben, in einem Zimmer im Bett zu schlafen, seine Freizeit gemeinsam zu gestalten, um miteinander am selben Ort Zeit zu verbringen. Die außergewöhnliche Zunahme an Freizeit im 20. Jahrhundert läßt sich nicht davon trennen, daß Männer und Frauen ihre Freizeit zunehmend als Begegnungsort nutzen, um gemeinsame Erfahrungen zu sammeln und miteinander vertraut zu werden. Vertrautheit und Nähe sind gewiß die Hauptziele von Paarbildung und Intimität. Zusammen mit der Rationalisierung des Alltags institutionalisiert die Vertrautheit das Selbst derart, dass es das Ferne, Unvertraute oder Unvorhersehbare an einer anderen Person beseitigt. Doch auch wenn dies auf den ersten Blick nicht einleuchtet, führen meines Erachtens Vertrautheit und Nähe in Wirklichkeit zu größeren „Irritationen“.
Man kann dies mit einem Umkehrschluß plausibel machen. Wie eine Untersuchung zeigt, sind Fernbeziehungen stabiler als Nahverhältnisse. Die Forscher begründen dies damit, daß es leichter fällt, seinen Partner zu idealisieren, wenn er entfernt lebt. Idealisierung ist negativ mit der Frequenz der Interaktion korreliert. Es fällt leichter, positiv über den anderen zu denken, wenn er abwesend ist. Umgekehrt institutionalisieren zusammenlebende Paare ihre Beziehung in verschiedener Weise durch Nähe: Sie teilen Raum, Zimmer und Bett, sie unternehmen gemeinsame Freizeitaktivitäten und inszenieren ihr wahres Selbst durch den ritualisierten Ausdruck von Authentizität. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein sahen die familiären Strukturen in der Oberschicht noch ganz anders aus: Männer und Frauen schliefen nicht unbedingt im selben Schlafzimmer; sie verbrachten ihre freie Zeit getrennt und teilten einander nicht permanent ihre Gefühle und ihr Innenleben mit. Zur Veranschaulichung des anderen kulturellen Musters dessen, was Menschen im 19. Jahrhundert als „Probleme“ ansahen, möchte ich aus einem Brief zitieren, in dem Harriet Beecher Stowe ihrem Mann gegenüber die Probleme ihrer Ehe zusammenfasst:

„Wenn ich über unsere künftige Verbindung, unsere Ehe, und die früheren Hindernisse auf dem Weg zu unserem Glück nachdenke, so scheint mir, dass sie von zweier- oder dreierlei Art sind. Erstens von jener körperlichen Art sowohl bei Dir als auch bei mir, wie der hypochondrischen kränklichen Labilität auf Deiner Seite, für welche die einzige Medizin in leiblicher Pflege und der Beachtung der Gesetze der Gesundheit besteht, und auf meiner Seite gibt es jenes Übermaß an Empfindlichkeit und Desorientiertheit sowie mangelnder Kontrolle über meinen Geist und mein Gedächtnis. Dies steigert sich bei mir immer im Verhältnis dazu, wie man mich tadelt und an mir herumkrittelt, und ich hoffe, daß es mit zunehmender Gesundheit nachlassen wird. Ich hoffe, dass wir beide von einem höchst feierlichen Gefühl für die Wichtigkeit einer klugen und permanenten Beachtung der Gesetze der Gesundheit erfüllt sein werden.
Dann an zweiter Stelle das Fehlen eines jeglichen konkreten Plans gegenseitiger Wachsamkeit, was unsere wechselseitige Verbesserung angeht, einer festgesetzten Zeit und Örtlichkeit, um dies in der festen Entschlossenheit zu betreiben, dass wir einander verbessern und voneinander verbessert werden, um wechselseitig unsere Fehler gestehen und füreinander beten, daß wir geheilt werden mögen …“.

An heutigen Standards gemessen erscheint diese Beschreibung von Beziehungsproblemen so nüchtern wie distanziert, das heißt, sie geht nicht davon aus, daß jeder der beiden Partner die einzigartige Veranlagung des anderen erkennen und nach größtmöglicher Verschmelzung streben sollte. Sie bringt vielmehr die Auffassung zum Ausdruck, daß beide versuchen müßten, ihr jeweiliges Selbst und das des anderen zu „verbessern“. Dies steht im Gegensatz zu zeitgenössischen Modellen von Nähe und Intimität.
In einer Beschreibung der Struktur des Alltagslebens vieler Paare heißt es:

„In ihren alltäglichen Gesprächen ‚überprüfen Partner gegenseitig ihre Gelüste, Begierden und Einstellungen; sie verkünden ihre Werte; legen die Struktur ihrer Besorgnisse offen; enthüllen ihren Bindungsstil; und reden im übrigen frei über eine Vielzahl an Themen, die offen wie unterschwellig deutlich machen, was sie meinen, und Hinweise darauf geben, was andere meinen. Die empirischen Belege scheinen die Wichtigkeit der Alltagsgespräche zu belegen.“ [Stafford und Merolla, 1994]

Diese Art des Gesprächs, in dem man sein Seelenleben und seine Präferenzen offenlegt, hat den Effekt, Formen intensiver Vertrautheit zu schaffen, die der Fähigkeit, Distanz zu wahren, entgegenstehen. Kognitiv verhält sich Vertrautheit zu Gefühlen so wie Nähe zu Wahrnehmungen: Eine gewisse Entfernung von einem Gegenstand macht es leichter, das Material in kulturelle Formen zu gliedern und somit auf seine Gestalt zu achten. Die Nähe zu einem Gegenstand hingegen führt dazu, daß man sich auf die einzelnen Bestandteile der Erfahrung konzentriert. Auf den Alltag und romantische Beziehungen umgemünzt bedeutet dies meiner Ansicht nach, daß Nähe einen stärker auf die einzelnen und für sich stehenden Momente des täglichen Lebens achten läßt, jedoch die Fähigkeit schwächt, auf deren kognitive Form zu achten, auf die kulturelle Gestalt, die diese Momente in die Lage versetzt, emotionale Lebendigkeit hervorzurufen. Anders gesagt: Die Institutionalisierung von Intimität und Nähe ruft Irritationen und Enttäuschungen hervor, weil sie die Partner dazu bringt, sich unentwegt aufeinander und weniger auf die kulturelle Gestalt ihrer Gefühle zu konzentrieren.
Einer der Gründe, warum Distanz Idealisierung ermöglicht, besteht darin, daß sie die andere Form von Bewußtsein aktiviert, also jene Form von Gedächtnis, das sich an gute Erlebnisse erinnert, sowie die vorgreifende Vorstellung, die diese Erinnerungen zu ästhetischen Szenen anordnet. Distanz ermöglicht die Vorwegnahme einer Begegnung nach Gedächtnisskripten und kognitiven Formen, die das alltägliche Leben ästhetisieren, sich in der kognitiven Offenheit des Alltags jedoch schnell verlieren. Gerade weil sich Gefühle leichter bilden, wenn sie mit klar konturierten (ästhetischen) Formen interagieren, ermöglicht Entfernung intensivere Empfindungen, Empfindungen, die deshalb intensiver sind, weil sie in deutliche und genau umrissene Muster gegliedert sind.“

Aus: Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Berlin: Suhrkamp, 2011. S. 396-401

Der wilde Leser

„Die Feuilletons enthalten immer mehr Informationen über die Meinungen der Redakteure und immer weniger Informationen über Bücher, und die Buchhandlungen werden immer größer und zugleich leerer – man betritt halbleere „Erlebnisräume“, in deren Mitte sich Glaskugeln mit Elektronenblitzen befinden und an deren Seitenwänden keineswegs Gedankenblitze schimmern, sondern Stapelware dümmster Sorte. Während immer mehr Buchhändler im eignen Laden vor Langeweile umfallen werden, steht der immer mehr allein gelassene Leser dumm da, obwohl er sich ja gerade schlau machen möchte.

Er steht zudem vor einer Welt, die nun auch nicht gerade die Originalität herausfordert, sondern überwiegend nach dem binären Prinzip organisiert ist: X oder O. Dagegen war die Aufforderung „Deine Rede sei ja, ja, nein, nein“ noch geradezu revolutionär. Einer Welt, der die schönen Konjunktive oder Operative ebenso fremd sind wie ein bloß spekulatives Denken – das aber ist die Welt der Bücher. Und er steht vor einer Welt, die auf eine „Eindrittelgesellschaft“ hinausläuft, auf eine Gesellschaft, an der zwei Drittel nicht mehr teilnehmen wollen, können oder dürfen und in der das sozial und politisch aktive Drittel ein „zerbrechliches Inseldasein“ (so Oskar Negt) führt.
Das Problem ist nun, wie der im Stich gelassene, unberatene, potentielle Leser zum tatsächlichen Leser wird. Woher er, selbst ein Ergebnis der stattgehabten Klassenverschleifung, der untergegangenen Salonkultur, der preisgegebenen Bildungsautorität und der Verengung des gesellschaftlich aktiven Teils der Bevölkerung, woher er die Kräfte nimmt für Widerstand und Autonomie? Denn die braucht er, um die Buchhandlungen zu finden, die ihm seine Wünsche erfüllen, die Zeitungen, die ihm die nötigen Rezensionen liefern, um sich – allein oder mit anderen – ein eigenes Bildungs- und Informationsnetz zu knüpfen. Dieser wilde Leser muß sich ja förmlich mit den Fäusten durchschlagen, wenn nicht mit der bekannten Kafkaschen Axt für das gefrorene Meer in uns!
Sehr viel verlangt, aber der Rückenwind kommt unmittelbar aus einer Gesellschaft, die ihn immer mehr in einen Zustand der inneren Leere und der äußeren Bedrohung geraten läßt. Die Kraft für den wilden Leser kommt – nehmen wir einmal an – aus den Gegenkräften.
Gewiß ist das nicht. Und viele werden diesen Weg nicht gehen. Und was die übriggebliebenen wilden, autonomen Leser mit ihren keineswegs (wie früher) gebündelten, sondern höchst disparaten Wünschen für die Produktion von Büchern bedeuten möge, das steht in den Sternen. Vorerst bleibt ungewiß, ob der wilde Leser nur kurzfristige Lösungen sucht – die ‚Ratgeberliteratur‘ spricht eher dafür – oder ob da langfristige Phantasien am Werk sind, der Versuch, etwas von dem zurückzugewinnen, was früher einmal die allseits gebildete Persönlichkeit genannt wurde. Für sich selbst mehr zu erfahren, als von den Massenmedien zu erfahren ist. Der Neugier auf eine andere als bloß konsumistische Gesellschaft nachzugeben. Solche langfristigen Phantasien und derart grenzüberschreitende Begierden sind aber ohne Bücher nicht denkbar.“
Klaus Wagenbach (Verleger), 1994.

Aus: Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers, 2010, S. 274-275

Entfremdung, Trennung

„… während der ungleichgewichtigen Zeiten macht es den einen unsäglich traurig und den anderen unsäglich wütend. Der Traurige weiß nicht, was er tun und wie er sich verhalten soll, er versucht das eine und das andere und das jeweilige Gegenteil, er zermartert sich das Gehirn, um abermals Interesse zu wecken oder sich vergeben zu lassen, obwohl er nicht weiß, was sein Vergehen ist, nichts nützt etwas, weil er bereits verurteilt ist, es nützt nichts, bezaubernd zu sein, oder unsympathisch, sanft oder widerspenstig, wohlwollend oder kritisch, liebevoll oder kriegerisch, aufmerksam oder abgestumpft, schmeichlerische oder einschüchternd, verständnisvoll oder undurchdringlich, alles ist Ratlosigkeit und verlorene Zeit. Und der Wütende ist sich bisweilen seiner Einseitigkeit und Ungerechtigkeit bewußt, aber er kann sie nicht vermeiden, er fühlt sich jähzornig, und alles, was vom anderen kommt, läßt ihn aus der Haut fahren, und das ist der größte Beweis, im persönlichen, täglichen Leben, daß niemals etwas objektiv ist und alles verdreht und verzerrt werden kann, daß kein Verdienst, kein Wert es für sich selbst sind ohne fremde Anerkennung, die meistens rein willkürlich ist, daß die Tatsachen und Haltungen immer von der Absicht abhängen, die man ihnen unterstellt, und der Interpretation, die man ihnen gibt, ohne diese Interpretation sind sie nichts, sie existieren nicht, sie sind neutral oder können ohne weiteres geleugnet werden. Was am offensten zutage tritt, wird geleugnet, was gerade geschehen ist und zwei gesehen haben, kann augenblicklich von einem der beiden geleugnet werden, man leugnet, was man in eben diesem Augenblick gesagt oder gehört hat, nicht gestern oder vor Zeiten, sondern erst vor einer Minute. Es ist, als würde nichts zählen, als würde nichts sich ansammeln oder Gewicht erlangen und als ginge alles unter, alles gleichgültig, ohne Berücksichtigung, ohne Erinnerung, Luft, aber schmutzige Luft, und für beide ist es zum Verzweifeln, für jeden auf andere Weise und stärker für den Traurigen. Bis alles zerbricht. Oder auch nicht, und dann zieht es sich in die Länge und wird innerlich angenommen, und äußerlich beruhigt es sich und kümmert vor sich hin, oder es wird bewahrt und verfault, ohne Aufhebens und im Verborgenen, wie etwas, daß man begräbt …“

Javier Marias: Dein Gesicht morgen, Bd. 1, S. 121/122

Springen

„Der Buschmann schlägt mithilfe seiner Machete mit heftigen Armbewegungen eine Spur durch das dichte Blattwerk. Mit Überzeugung, aber ohne eine Ahnung, was hinter der nächsten Astgabel wartet.
Unsereins ist mit asphaltierten Straßen, geregelten Kreuzungen und Haftpflichtversicherungen versorgt und zaudert bei jedem kleinen Schritt ins Ungewisse, als ginge es ums Leben. Da muss schon auf den geebneten Wegen aus allen Himmelsrichtungen eine Legion schicksalshafter, lebensbedrohlicher Dampfwalzen à la Krankheit, Konkurs und Katastrophen anderer Art daherrollen, damit so ein selbstverliebt dahinrottender Erdenbürger auf die Idee kommt, auf seinem Weg auch springen zu können.
Meistens wird denen, die den Sprung wagen, vorgehalten, sie hätten einen Sprung in der Schüssel. Nur wehe, sie landen wohlbehalten auf einer anderen Ebene, dann springen die ehemaligen Nörgler, Miesmacher und Besserwisser mit gierig ausgestreckten Klauen hinterher.“

Aus: Thomas Raab: Der Metzger sieht rot. S. 317

Weitergehen

„Etwas fängt an, etwas hört auf, als ständige Begleitmusik der Existenz. Anfang und Ende als überbewertete, abgedroschene Metapher. [Ihm] wird klar, dass das schlichtweg nicht stimmt. Das Weitergehen ist es. Allein das ständige Weitergehen, unabhängig aus welcher Richtung der Wind pfeift. Wir wissen nur nicht, was ans Leben anschließt und was ihm vorausgeht. Aber hier, im beschränkten Ausschnitt des Daseins hört etwas auf und fängt gleichzeitig etwas an, geht es immer weiter, bis zum Wechsel ins Unsichtbare.
Das Unsichtbare gibt es auch im Diesseits. Die Wirklichkeit ist immer eine Frage der Perspektive.“

Aus: Thomas Raab: Der Metzger sieht rot. S. 308

Vorsitzender und Vizekanzler

„Nach seiner Rede vor den Altenpflegern spaziert Rösler mit Schwester Ruth, der Alt-Oberin des Klosters, über das Gelände, die Vögel zwitschern, ein paar Senioren sitzen im Rollstuhl und tanken Sonne. „Wir kommen jetzt auf den alten Amtssitz, der ist Hunderte von Jahren alt“, sagt Schwester Ruth.

„Uiiiiiih“, ruft Rösler, sichtlich begeistert, die Schwester freut das, sie fühlt sich beflügelt. „Und dort auf dem Innenhof“, sie zeigt auf den Platz, wo die Rollstühle in der Sonne stehen, „dort war früher ein riesiger Misthaufen.“ „Uiiiiih“, ruft Rösler erneut. Die beiden unterhalten sich eine Weile, es geht herzlich zu, dann muss der Minister zurück in seinen Dienstwagen. Der Abschied fällt ihm schwer.

Die Schwester steht da und schaut ihm nach. „Was für ein liebevoller Mensch“, seufzt sie schließlich. „Voller Empathie, und so sympathisch.“

„Schon merkwürdig, dass der in der FDP ist“, sagt einer der umstehenden Männer.

„Ist der echt FDP?“, fragt Schwester Ruth, sie wirkt fast geschockt. „Das ist ja ein Ding. Unter FDP hatte ich mir immer was anderes vorgestellt.“

Wieder im Auto sagt Rösler: „Ich spiel mal was von Udo Jürgens.“ Er fingert das iPhone aus der Brusttasche seines Hemdes und stöbert in seiner Musikbibliothek. Rösler liebt Udo Jürgens.

„Die Discos, in die ich gehe, haben erst eine Rockphase, dann eine Schlagerphase, und dann kommt Techno“, sagt er. „Und eins ist klar: Die geilste Stunde ist beim Schlager.“

Rösler hat jetzt die Udo-Jürgens-Lieder gefunden. „Manche Texte sind gar nicht so doof, wie viele sagen, toll sozialkritisch sind die und ziemlich politisch.“ Er spielt ein Lied an, es heißt „Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient“. Die ersten Töne erklingen. „Gut, ein bisschen schnulzig vielleicht, aber der Text, der Text.“ Auf dem Display des Ministers leuchtet das Gesicht von Udo Jürgens. „Jetzt mal hinhören.“ Dann fängt Udo Jürgens an zu singen, und Philipp Rösler summt mit:

Wer niemals schwach war,

wird nie wirklich stark.

Wer nie zu hoch greift,

erreicht nie die Sterne.

Wenn du nie aufgibst,

kommt einmal dein Tag.

Wer nie verliert,

hat den Sieg nicht verdient.

„Ich meine, hallo? Das ist doch klasse!“ Rösler schaut versonnen auf sein Display. „Und es gibt doch Trost.““

Quelle: Der Spiegel, 23.2010, S. 36 (Auszug)

Liebeslürik eines Journalisten

„Er ist sorgfältig unrasiert und wunderbar gefönt.
Er betrachtet uns mit riesigen blauen Augen
wie aus unendlicher Ferne.
Seine vollen Lippen sind geschlossen
wie die einer Sphinx.
Dabei toben auf der Stirn wahre Stürme.
Bald wird die Dunkelheit, die hinter dem Kragen
seines asiatisch anmutenden Hemds aufsteigt,
ihn ganz verschlucken.

Bei dem Mann, dessen dramatisch umwölkte Brillanz
auf dem Cover von Time
so meisterhaft
inszeniert
ist,
handelt es sich um keinen anderen als
Jonathan Franzen …“

Jörg Häntzschel, sueddeutsche.de, 16.08.2010