Zitate

Zeit

„Die Zeit bewegte sich in zwei Richtungen, denn jeder Schritt in die Zukunft beinhaltete eine Erinnerung an die Vergangenheit, und auch wenn Ferguson noch nicht einmal fünfzehn war, hatte er schon genug Erinnerungen angesammelt, um zu wissen, dass die Welt um ihn herum ständig von der Welt in seinem Inneren geprägt wurde, so wie das Erleben der Welt auch bei allen anderen von ihren eigenen Erinnerungen geprägt wurde, und auch wenn alle Menschen durch den Raum, den sie teilten, miteinander verbunden waren, unterschied ihre jeweilige Reise sich durch die Zeit, soll heißen, jeder Einzelne lebte in einer etwas anderen Welt als seine Mitmenschen.“

Paul Auster: 4 3 2 1, S. 506

 

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Entfremdung, Trennung

„… während der ungleichgewichtigen Zeiten macht es den einen unsäglich traurig und den anderen unsäglich wütend. Der Traurige weiß nicht, was er tun und wie er sich verhalten soll, er versucht das eine und das andere und das jeweilige Gegenteil, er zermartert sich das Gehirn, um abermals Interesse zu wecken oder sich vergeben zu lassen, obwohl er nicht weiß, was sein Vergehen ist, nichts nützt etwas, weil er bereits verurteilt ist, es nützt nichts, bezaubernd zu sein, oder unsympathisch, sanft oder widerspenstig, wohlwollend oder kritisch, liebevoll oder kriegerisch, aufmerksam oder abgestumpft, schmeichlerische oder einschüchternd, verständnisvoll oder undurchdringlich, alles ist Ratlosigkeit und verlorene Zeit. Und der Wütende ist sich bisweilen seiner Einseitigkeit und Ungerechtigkeit bewußt, aber er kann sie nicht vermeiden, er fühlt sich jähzornig, und alles, was vom anderen kommt, läßt ihn aus der Haut fahren, und das ist der größte Beweis, im persönlichen, täglichen Leben, daß niemals etwas objektiv ist und alles verdreht und verzerrt werden kann, daß kein Verdienst, kein Wert es für sich selbst sind ohne fremde Anerkennung, die meistens rein willkürlich ist, daß die Tatsachen und Haltungen immer von der Absicht abhängen, die man ihnen unterstellt, und der Interpretation, die man ihnen gibt, ohne diese Interpretation sind sie nichts, sie existieren nicht, sie sind neutral oder können ohne weiteres geleugnet werden. Was am offensten zutage tritt, wird geleugnet, was gerade geschehen ist und zwei gesehen haben, kann augenblicklich von einem der beiden geleugnet werden, man leugnet, was man in eben diesem Augenblick gesagt oder gehört hat, nicht gestern oder vor Zeiten, sondern erst vor einer Minute. Es ist, als würde nichts zählen, als würde nichts sich ansammeln oder Gewicht erlangen und als ginge alles unter, alles gleichgültig, ohne Berücksichtigung, ohne Erinnerung, Luft, aber schmutzige Luft, und für beide ist es zum Verzweifeln, für jeden auf andere Weise und stärker für den Traurigen. Bis alles zerbricht. Oder auch nicht, und dann zieht es sich in die Länge und wird innerlich angenommen, und äußerlich beruhigt es sich und kümmert vor sich hin, oder es wird bewahrt und verfault, ohne Aufhebens und im Verborgenen, wie etwas, daß man begräbt …“

Javier Marias: Dein Gesicht morgen, Bd. 1, S. 121/122

Springen

„Der Buschmann schlägt mithilfe seiner Machete mit heftigen Armbewegungen eine Spur durch das dichte Blattwerk. Mit Überzeugung, aber ohne eine Ahnung, was hinter der nächsten Astgabel wartet.
Unsereins ist mit asphaltierten Straßen, geregelten Kreuzungen und Haftpflichtversicherungen versorgt und zaudert bei jedem kleinen Schritt ins Ungewisse, als ginge es ums Leben. Da muss schon auf den geebneten Wegen aus allen Himmelsrichtungen eine Legion schicksalshafter, lebensbedrohlicher Dampfwalzen à la Krankheit, Konkurs und Katastrophen anderer Art daherrollen, damit so ein selbstverliebt dahinrottender Erdenbürger auf die Idee kommt, auf seinem Weg auch springen zu können.
Meistens wird denen, die den Sprung wagen, vorgehalten, sie hätten einen Sprung in der Schüssel. Nur wehe, sie landen wohlbehalten auf einer anderen Ebene, dann springen die ehemaligen Nörgler, Miesmacher und Besserwisser mit gierig ausgestreckten Klauen hinterher.“

Aus: Thomas Raab: Der Metzger sieht rot. S. 317

Weitergehen

„Etwas fängt an, etwas hört auf, als ständige Begleitmusik der Existenz. Anfang und Ende als überbewertete, abgedroschene Metapher. [Ihm] wird klar, dass das schlichtweg nicht stimmt. Das Weitergehen ist es. Allein das ständige Weitergehen, unabhängig aus welcher Richtung der Wind pfeift. Wir wissen nur nicht, was ans Leben anschließt und was ihm vorausgeht. Aber hier, im beschränkten Ausschnitt des Daseins hört etwas auf und fängt gleichzeitig etwas an, geht es immer weiter, bis zum Wechsel ins Unsichtbare.
Das Unsichtbare gibt es auch im Diesseits. Die Wirklichkeit ist immer eine Frage der Perspektive.“

Aus: Thomas Raab: Der Metzger sieht rot. S. 308

Lichtenberg-Zitat

„Weiser werden heißt,
immer mehr und mehr die Fehler kennen lernen,
denen dieses Instrument,
womit wir empfinden und urteilen,
unterworfen sein kann.
Vorsichtigkeit im Urteilen ist,
was heutzutage allen und jeden zu empfehlen ist –
gewönnen wir alle 10 Jahre nur eine unstreitige Wahrheit von jedem philosophischen Schriftsteller,
so wäre unsere Erde immer reich genug.“

Georg Christoph Lichtenberg

Frühstück mit Ivan Illich

von GABRIELE GOETTLE

Ivan Illich, Prof. Dr. phil., Penn State University, USA. Geb. 1926 i. Wien. 1942 Matura i. Florenz (Wiss. Lyceum Leonardo da Vinci). 1942-1945 Studium d. anorg. Chemie u. Kritallographie, Univ. Florenz. 1945-1951 Studium d. Geschichte, Theologie u. Philosophie a. d. Gregorianischen Universität Rom/Collegium Romanum (päpstliche Lehranstalt, GG), jeweils Abschluss m. summa cum laude (M. A.). 1950 Priesterweiehe u. Tätigkeit i. Vatikan. 1951 Promotion i. Geschichte m. summa cum laude a. d. Universität Salzburg, Thesis: The Pilosophical and Methodological Dependencies of Arnold Toynbee, (britisch. Historiker u. Kulturtheoretiker, 1889-1975). 1951 Einladung a. d. Universität Princeton USA u. Habilitationsvorhaben üb. Albert d. Großen (Albertus Magnus). Verwerfung d. Vorhabens beim Eintreffen i. New York d. zufällige Konfrontation m. d. Problemen armer, frisch eingewanderter Puertoricaner. Statt akademischer Arbeit mehrjährige Tätigkeit als Armenpriester im Elendsviertel, Upper West Syde NYC. 1956-1960 Vizekanzler d. kath. Universität v. Santa Maria, Puerto Rico. Ende d. 50er-Jahre Gründung e. Zentrums f. interkulturelle Kommunikation a. d. Univ. Geriet weg. seiner Kritik geg. die Politik d. kath. Kirche i. Lateinamerika i. zunehmende Konflikte mit Klerus und Vatikan (legt 1969, nach Veröffentlichung d. kirchlichen Verfahrens gegen ihn, alle priesterlichen Funktionen nieder). 1960 Gründung d. unabhäng. Centro intercultural de documentatión, CIDOC, i. Cuernavaca, Mexiko, (sowie . weiteren Zuentrums i. Petropolis, Mexiko). 1961-1976 Direktor (zus. m. vier anderen Direktoren) d. CIDOC. Zahlr. Studien u.a. z. Pädagogik d. 3. Welt, z. Soziologie u. Entwicklungspolitik, üb. Instrumentarium u. Leiden d. Industriesystems u. d. industriellen Wachstums. 1974-1979 Studien i. Indien, Indonesien, Pakistan. 1979-1981 Gastprofessor a. d. Gesamthochschule Kassel. Professor a. d. Universität Berkeley, USA. 1983-1986 Gastprofessor a. d. Theolog. Fakultät d. Univ. Marburg. Bis 1996 Professor a.d. Pennsylvania State Universität, USA. 1990-1991 Gastprofessor a. d. Univ. Marburg. Ab 1991 spez. Gastprofessur a.d. Univ. Bremen. Buchveröffentlichungen i. mehreren Sprachen. In Deutsch u.a.: „Almosen u. Folter“, Mü. 1970; „Entschulung der Gesellschaft“, Mü. 1972; „Selbstbegrenzung“, Hamburg 1975; „Die Nemesis der Medizin“, Hamburg 1981, „H2O und die Wasser des Vergessens“, 1987, „Im Weinberg des Textes“ Ffm. 1990. Zahlr. Studien u. Vorträge, u.a. „Fortschrittsmythen“ 1978; „Entmündigende Expertenherrschaft“ 1979; „Schattenarbeit“ 1981, „Gesundheit in eigener Verantwortung: Danke, Nein!“, 1991; „Von der verborgenen Seite der Teilens“, 1996. Ivan Illich ist Sohn eines katholischen Dalmatiners und einer lutherisch getauften deutschen Jüdin, er besitzt die amerikanische Staatsbürgerschaft und ist unverheiratet.

Ivan Illich wurde in den 70er-Jahren durch vier seiner Bücher („Entschulung“, „Selbstbegrenzung“, „Fortschrittsmythen“ und „Nemesis“) weithin bekannt. „Selbstbegrenzung“ war sein erster Beitrag zu einer allgemeinen Theorie der Industrialisierung. Die drei anderen Bücher treiben diese Untersuchungen weiter und befassen sich mit den Technologien und Auswirkungen von Energie, Produktion, Konsumtion und medizinischem System. Er beschreibt die Gefahren, die von einer totalen Technisierung und Institutionalisierung menschlicher Bedürfnisse ausgehen: von der Medizin für die Gesundheit, von Transport und Verkehr für die Fortbewegung, vom Bildungswesen für das Lernen und von der Urbanisation für die Fähigkeit, sich ein Zuhause zu schaffen. Er führt vor, dass eine allseitige Reglementierung und Vernormung nicht zur Maximierung von Gesundheit, Fortbewegung, Lernen und Behausung führen, sondern zu ihrer Verkümmerung.

Er warnte zugleich vor dem Export dieser Patentlösungen der Industriegesellschaft nach Lateinamerika, freilich vollkommen vergeblich. Der Weg in die Armut sei mit technischer Hilfe gepflastert, schrieb Illich 1970 in „Almosen und Folter“, Unterentwicklung greife ganz besonders in solchen „Entwicklungsländern“ um sich, in denen das Angebot von Klassenzimmern, Autos, Markenartikeln, neuen Lebensmitteln und Kliniken rasant zunimmt.

Die Themen, die Illich vor zwanzig bis dreißig Jahren aufgegriffen hat, sind keinesfalls veraltet, im Gegenteil, die meisten seiner Untersuchungsgegenstände sind in der Zwischenzeit zu unübersehbarer Monstrosität herangereift. Nicht nur das Bildungssystem mit seinem vollends feindselig gewordenen Normierungs-, Leistungs- und Konsumdruck ist auf der Höhe der Zeit angekommen, auch das fort und fort wuchernde Medizinsystem, in der „Nemesis“ prophetisch von Illich untersucht, stolpert heute kollabierend voran wie nie zuvor.

Sehr aktuell ist auch das Thema seiner Untersuchung zu dem, was er „Schattenarbeit“ nannte. Zu ihr zählt neben der unbezahlten Hausarbeit auch der Stress der Konsumzwänge, die Reglementierung durch Bürokraten, Ärzte und selbst das Familienleben, Bildung und Zerstreuungen der Freizeit. „Die unbezahlte Selbstdisziplin, die in der Schattenarbeit steckt, wird immer wichtiger für weiteres ökonomisches Wachstum“, und „Schattenarbeit wird wichtiger werden als Lohnarbeit“ schrieb Illich vor zwanzig Jahren. Ivan Illichs Kultur- und Zivilisationskritik bedient sich einer Art historischer Archäologie, ob er nun wie in „Gender“ die allmähliche Veränderung der Geschlechterrollen und deren Auswirkung freilegt oder, wie im „Weinberg des Textes“, eine Geschichte des Lesens entfaltet am Beispiel eines Lesers aus dem 12. Jahrhundert, des Abtes Hugo von St. Viktor.

Und immer spürt er den Metaphern nach, ihren sich wandelnden Bedeutungen an den Schnittstellen der kulturellen und technischen Veränderungen. Er sagt: „Metaphern sind Sinnfähren zu semantischen Ufern.“ Ivan Illich ist ein sehr guter Spürhund, der, wenn er mal die Spur aufgenommen hat, sie aufmerksam bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgt. Diese ganz spezielle Art des aufspürenden Blickes, verbunden mit lebhafter Vorstellungskraft, ist ganz typisch für Ivan Illich. Er tritt zurück, um aus dem scheinbaren Abseits die Proportionen der Details aus einer anderen Perspektive betrachten zu können, um das Wesen und die vermeintliche Unabdingbarkeit von Gewissheiten in Frage zu stellen, Täuschungen bloßzulegen, die Probleme und ihre Ursachen zusammenzutreiben. Nur so gelingt es ihm, die modernen Institutionen als Rituale und soziale Liturgien vor Augen zu führen. Und die Phantome der waren- und wachstumssüchtigen Gesellschaft zu demaskieren ist sicherlich der erste Schritt dazu, sich ihrer Macht zu verweigern und nicht kompatibel machen zu lassen. Von entscheidender Bedeutung aber ist, dass sich Ivan Illichs analytisches Denken immer außerhalb der herrschenden Meinungen und laufenden Debatten voranbewegt hat. Er zog alles in Zweifel, auch die für fortschrittlich gehaltenen ideologischen Vorstellungen und Entwürfe, und ist gerade dadurch nicht – wie so viele – in marxistischen, theologischen oder alternativen Scheingefechten zwischen zwei Positionen steckengeblieben.

Erich Fromm nannte Illich einen radikalen Humanisten und sagte über seine Schriften: „Sie machen den Leser lebendiger, weil sie das Tor öffnen, das aus dem Gefängnis landläufiger, unfruchtbarer und vorgefasster Vorstellungen hinausführt. Sie vermitteln einen schöpferischen Schock.“ Ivan Illich ist sehr gelehrt in einem alten, umfassenden Sinn. Er kennt sich in Philosophie und Soziologie ebensogut aus wie in scholastischer Philosophie und in Kirchengeschichte, er befasst sich mit Themen der Naturwissenschaft und kann, wenn es sein muss, elf Sprachen sprechen. Er schreibt in drei Sprachen: in Englisch, Deutsch und Spanisch. Und das Wichtigste, er weiß, dass „Bildung“ sich einer Kette von Zufällen verdankt, die zur Summierung des Wissens und der Neigungen führen, und ganz gewiss nicht erworben werden kann im Maßregelvollzug einer Schule und Prägeanstalt. Und er weiß und beherzigt, dass die Ideen und Denkergebnisse seiner Arbeit nicht ihm allein gehören, sondern sich entwickelt haben durch Lektüre und auf eine ganz besondere Weise auch durch die Gespräche mit Freunden, worauf er mit langen Fußnoten und namentlichem, ausführlichem Dank nie vergisst hinzuweisen. Und er lebt und denkt und erkennt am liebsten inmitten eines kleinen Freundeskreises gemäß einer platonischen Doktrin, die besagt, dass Wissen ohne Freundschaft, die sich am Wissen des Freundes erfreut, unzureichend ist.

Ende Juni, also vor knapp einem Monat, tagte in Berlin die Internationale Konferenz Freedom of Thought zu Fragen der Menschenrechte (des psychiatrischen Zwangs und der biologischen Diskriminierung). Sie fand, nachdem die Freie Universtität ihr die Räume verweigert hatte, in der Urania statt und bestand aus zwei Hauptveranstaltungen, dem 5. Russell Tribunal (on Human Rights in Psychiatrie) und dem Symposium „Geist gegen Gene“ (zur Bioethik und den Folgen der Biotechnologie für das menschliche Selbstverständnis). Zum Symposium war auch Ivan Illich eingeladen. Irgendwann gegen Nachmittag rechne man mit seinem Eintreffen – falls alles gut gehe, denn er sei ja sehr krank -, wurde mitgeteilt. In der halb leeren Cafeteria vermischt sich das Klappern des Geschirrs mit den sonoren Stimmen des Russel Tribunals das im großen Saal vor bestürzend leeren Sitzreihen verhandelt. Am Nachmittag hatte man mit sechzigminütiger Verspätung begonnen, als sich endlich ein spärlich anwachsendes Grüppchen von Besuchern eingefunden hatte. Nun sitzen einige der Zeugen, die ihre Anhörung bereits hinter sich gebracht haben, trinken Kaffee und erzählen schreckliche Einzelheiten, für deren Darstellung vor dem Tribunal die Zeit zur kurz war. Nach und nach wird die Geräuschkulisse ein wenig lebhafter, das scheint aber am Symposium zu liegen, zu dem einige Neuankömmlinge streben.

Als ich nach einer Weile zufällig die Augen von meinem Buch hebe, fällt mein Blick auf einen hageren Mann, der, sehr aufrecht und gemessenen Schrittes, die Cafeteria durchquert. Die gesamte Wange seiner rechten Gesichtshälfte ist bedeckt von einer enormen hügeligen Geschwulst. Sie ist umhüllt von bräunlich pigmentierter Haut, die sich von der Haut des Gesichtes und Halsansatzes überhaupt nicht unterscheidet. Dadurch geht das Gewächs irgendwie bruchlos in ein schmales, harmonisch schönes Gesicht über – und umgekehrt. Es ist das Gesicht von Ivan Illich. Ich erkenne es sofort wieder, nach den Fotos aus früherer Zeit. Schon ist er die Treppe hinunter. Ich eile hinterher, erreiche ihn im Foyer und stelle mich vor, hoffend, dass er meinen Brief erhalten hat. Er verabschiedet sich sehr förmlich von einer Dame und ergreift mit dem Ausruf: „Sie habe ich schon gesucht!“ meine Hand. Er wirkt sehr nervös. Plötzlich zieht er mich unvermittelt mit sich fort Richtung Garderobe in einen abseits gelegenen, anscheinend unbenutzten düsteren Raum. Schweigend weist er auf einen Stuhl, setzt sich neben mich, öffnet seine Aktentasche, holt eine Kerze hervor, ein Stück Aluminiumfolie, zündet die Kerze an und bittet mich, sie zu halten, was ich etwas irritiert tue. Nun legt er ein dunkles Kügelchen aufs Stanniol, hält beides über die Kerzenflamme und inhaliert dann mit einem Röhrchen den sich entwickelnden hellen Rauch ein. Sein Gesichtsausdruck wirkt verschlossen und aufs Höchste angespannt. Das Kügelchen schmilzt, gleitet und hinterlässt auf dem Staniol eine schmale, schwarze Brandspur. Plötzlich lässt mein Gegenüber alles sinken rutscht vornüber vom Stuhl, bricht vor mir ins Knie mit enormer Geschmeidigkeit, krümmt sich tonlos zusammen und bleibt dann einen Moment lang in dieser Position. Ich halte derweil, weil ein wenig zerrüttet, aber nicht wirklich beunruhigt, brav die brennende Kerze. Es schwebt ein Geruch nach Harz und Terpentin, Weihrauch und Myrrhe in der Luft. So schnell und geschmeidig wie Herr Illich niederbrach, erhebt er sich auch wieder, nimmt auf seinem Stuhl Platz und beginnt, ohne die geringste Verlegenheit, ein Gespräch voller Wärme und Aufmerksamkeit. Er erklärt, dass er seit 15 Jahren Opium raucht, sehr genau dosiert, ohne eine Sucht zu entwickeln, dass, gerade als ich ihn vorhin begrüßte, er das Herannahen eines epileptischen Anfalles spürte – daher die Eile. Er erzählt von den Metastasen, die er hat, besonders am Rückgrat, was Anfälle und Schmerzen auslöst, und fügt dann beruhigend hinzu, dass es jetzt aber gut ist und er die Dinge wieder in der Hand hat. Seinen Krebs will er sich nicht schlecht machen lassen von der Schulmedizin, er sagt sanft: „Ich bin nicht krank, das ist keine Krankheit. Es ist ein vollkommen anderes, viel komplizierteres Verhältnis.“ Zum Schluss sagt er, nicht weniger sanft und entschieden, dass er sich für ein Gespräch nicht zur Verfügung stellen möchte und in den letzten Jahren alle Interviews abgelehnt hat. Die Verabschiedung ist innig, und ich bleibe ratlos zurück.

Zwei Tage später sind Elisabeth und ich mit Ivan Illich in seinem Hotel zum Frühstück verabredet. Barbara Duden, eine gemeinsame Freundin, Soziologin an der Uni Hannover und Bremen, hatte am Vortag innerhalb von Sekunden zwischen Illich und mir vermittelt, wofür ich sehr dankbar bin. Um 9 Uhr sitzen Elisabeth und ich wie verabredet im Frühstückssaal des Savoy an einem Tischchen am Fenster. Um uns herum frühstücken amerikanische Touristen, Geschäftsleute und einige der Teilnehmer des Russel Tribunals. Iwan Illich kommt nicht. Während wir warten, beschließen wir gemeinsam, keine Fotos zu machen. Die Selbstverständlichkeit mit der er sein Gewächs im Gesicht trägt, mit der er sich mimisch und gestisch ausdrückt und mit der er das ausdrückt, würde sich im Foto nicht festhalten lassen. Festzuhalten wäre nur ein dem diagnostischen Blick preisgegebenes Gesicht mit Wucherung. Und die Alternative dazu, ein perspektivisch oder sonst wie verschummeltes Foto zu machen, verwerfen wir ebenso, gerade in dem Moment, als Ivan Illich in Begleitung von Barbara den Saal betritt.

Auf seinem Gewächs prangen kreuzweise aufgeklebt zwei weiße Pflaster. Die beiden setzen sich gut gelaunt, Illich entschuldigt sich für die Verspätung. Er hat sich beim Rasieren geschnitten, und das Blut war kaum zu stillen. Plötzlich wird meine Vorstellungskraft enorm erhellt. Wer wird schon einen Krebs rasieren? Was ich rasiere, das bin ich! Manchmal kommen die Erkenntnisse komisch daher.

Gelassen beginnt Illich in kakanischem Österreichisch und mit rollendem R: „… mir scheint, das ist es, was wir zu tun haben, wenn nur noch Monate, oder was immer – Zeit bleiben. Dann möchte ich klar machen: Wenn es einen Grund für mich gibt, die Regeln zu verstehen, unter denen dieses Absurdistan, in dem wir leben, funktioniert, dann darum, weil ich und auch meine Freunde wissen möchten, wo wir NICHT mittun. Wodurch wir unsere Seele, unsere Wahrnehmung, unsere innere Welt nicht beeinflussen lassen. Das ist eine Übung, schließt an an die Tradition der Augenzucht. Das ist ein Wort, das ich in Wien kennengelernt habe vor 70 Jahren, in der Jesuitenschule. Es gibt da einiges Geschriebenes, lauter unediters Zeug … von der Geschichte des Blicks zur Geschichte des Leidens, ja, das ist neu, ja … Ich hüte mich, lass es nicht ins Herz hineinkommen; nicht die Gen-Angelegenheit, nicht die Illusionen von Gesundheit. Leute haben mich angesprochen auf dem Kongress und mitfühlend gefragt, ist es nicht furchtbar, so krank zu sein? Aber warum MUSS ich denn krank sein?! Ich kann mich elend fühlen, ich habe eine Beule, ich habe Ungemach, gut! Das ist etwas Natürliches. In der ganzen Welt, in allen anderen traditionellen Kulturen, müssen die getragen werden, der Schmerz und das Leid. Also kann ich es auch ertragen.“

Wir essen still unser Rührei mit Schinken, auch Illich, obwohl er Vegetarier ist. „In allen anderen Kulturen der Welt wurde das irgendwie akzeptiert, eine Conditio humana … unter gewissen Bedingungen, die im Wesentlichen unveränderlich sind. Leben ist auch Leiden, Altern, Sterben. Die Medikalisierung des Todes verhindert das eigene Sterben. Aber Lebenskunst setzt die Kunst des Alterns und Sterbens voraus. Leidenskunst bringt auch eine neue Kunst des Genießens hervor. Die Intensität meines Erlebens ist nicht mehr die alte, wenn ich mit Freunden zusammen bin, dann werden die Farben leuchtender.“

Barbara sagt: „Erlaubt, dass ich etwas anfüge. Ich sehe das ja schon lange mit der Backe und sehe den Ivan vor verschiedensten Auditorien, und was ich so wunderbar und bewundernswert finde an ihm, was mir Respekt einflößt, ist, in welchem Maße er diese Schachtel, die für ihn vorgesehen ist, einfach nicht akzeptiert, dass er sich weigert, mit einer Diagnose zu leben. Weil die Genetik läuft ja als ökonomischer Begriff darauf hinaus, dass Leute lebenslang in einer diagnostischen Schachtel stecken, in Form ihrer genetischen Ausstattung, ihrer so genannten Defekte. Und Ivan führt wirklich radikal vor, dasss man es sich vom Leibe halten kann, sogar dann, wenn man einen terminalen Krebs hat.“

Ivan Illich lächelt und sagt: „Gesundheit … das ist eine stark gesellschaftsprägende Metapher geworden, und das Definitionsmonopol dessen, was gesund ist, was krank ist, hat die Medizin sich angeeignet, weshalb sollten wir das akzeptieren? Die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse setzt ja nicht das Ergebnis einer Expertendiagnose voraus, oder? Medizinische Ideologie hat eine absolut lähmende Wirkung auf die Lebenskraft des Einzelnen, das muss man sich vom Leibe halten, davon darf nichts ins Herz hinein.“ Ivan Illich lässt seine Augen irgendwie liebevoll auf uns allen ruhen. Er hat überhaupt eine ungewohnt freundliche Präsenz, die über höfliche Mimikri – mit der man ja oft auch schon zufrieden wäre – weit hinausgeht. Er ist ein leidenschaftlicher Zuhörer und ausgesprochen achtsam.

„Wir sind alle bedürftig, sind Erziehungsbedürftige, Transportbedürftige, Medizinbedürftige … von den so Bedürftigen haben die meisten kein Glück. Andere kriegen eine Menge, Übermenge, dieser Bedürfnisse befriedigt. Aber wie kann ich mich aus den Bedürfnissen herauslösen, prinzipiell? Das ist der Sinn. Und dann geht es darum, mit anderen zu sein, an die man sich langsam gewöhnt hat. Die man langsam gelernt hat, gut … riechen zu können, sagt man in Wien. Ich kann dich … gut Leiden. Da steckt was Tragisches drin, diese Conditio tragica ist seltsam. Dass man grade die lieb hat, die man Gut Leiden kann, dass man wen Gut Leiden können muss, damit man ihn lieb haben kann. Und gemeinsam mit diesen Freunden, die ich lieb habe, komme ich zu Erkenntnissen und zu Klarheit. Der Zusammenhang ist ja sehr einfach zu diesem bösartigen Krebsgeschwür, das man bösartig nennt … ich kanns auch bösartig gut leiden!“ Er lacht. „Wie das Ganze so klein war wie ein Knödelchen, bekam ich die Diagnose Parotis- Krebs, vom Herrn Hasenohr – das war der bedeutendste Parotis-Krebs-Spezialist. Er sagte, sofort operieren, gab mir fünf Jahre Überlebenschance. Die Diagnose wurde mir 1983 gestellt. Mein Todesurteil. Meine Güte, da war ich 57 Jahre alt, da sollte ich auf einmal sterben?! Wenn ich mich an diese moderne Denkart halte … nein! Keine Operation. Ich hab nie in einem medizinischen Fachbuch nachgeschlagen – ich war in Versuchung, ja, habe ihr aber widerstanden. Die Diagnose war vor 19 Jahren.“

Es wird nochmals Tee serviert. Illich dankt dem Kellner und blickt ihm dabei in die Augen. „1986 wurde es dann ernst. Der Schmerz ist überraschend zudringlich. Mit den Nervenschmerzen umzugehen ist gar nicht leicht. Zu der Zeit habe ich ein Vierteljahr in Pakistan verbracht und mit dem Leiter der Islamischen Ärzteschaft viel diskutiert, auch darüber, dass die galenische medizinische Tradition es nicht erlaubt, gegen den Tod zu kämpfen. Und ich redete auch von mir, ließ mir den Puls nehmen. Er sagte, da gibts nur Ergebung. Das Wort bedeutet zugleich ja Zuneigung, Hinneigung. Und er sagte, wenn Sie nicht mehr schlafen, nicht mehr denken können vor Schmerz, dann ganz wenig Opium. Ich bekomme Opium verschrieben vom Arzt, in Tropfenform, die Wirkung ist etwas minderwertiger, es liegt vielleicht an der Reinigung. Deshalb begehe ich das VERBRECHEN, Opium zu rauchen! Wenn ich ordentliches Opium bekommen kann, dann nehme ich ordentliches Opium. Aber meine Notration Tropfen und mein Rezept habe ich natürlich immer bei mir.“

Ivan Illich, der eigentlich geplant hatte, mit Barbara Duden zusammen den Zug nach Bremen zu nehmen und anschließend weiter zu fahren nach Genua, beginnt sich von uns zu verabschieden. Barbara aber erhebt sich schnell und sagt: „Nein, nein, bleib noch und mach weiter, es wäre schade, das Gespräch ausgerechnet an dieser Stelle abzubrechen, ich fahre alleine!“ Sie verabschiedet sich herzlich und eilt davon. Illich, der überraschend schnell in der Lage ist, umzudisponieren, schlägt vor, dass wir uns in fünf Minuten oben in seinem Zimmer einfinden.

Als wir nach der vereinbarten Zeit an der Tür klopfen, öffnet Illich und sagt: „Zwei Minuten zu früh!“ legt sich auf den Teppich, vollzieht einen Schulterstand, klappt die Beine nach hinten zum Kopf zurück, verharrt eine Weile in dieser Stellung und rollt dann mit einer schaukelnden Bewegung sich übers Rückgrat ab und kommt mit diesem Schwung wieder zum Stehen. „Beim Rückgrat muss ich immer um die Metastasen herumrollen“, sagt er und lächelt. Ich lobe seine Elastizität und besonders seine großartige Kunst, ins Knie zu brechen. Sofort bricht er ins Knie und gleitet, in derselben Bewegung, in eine seitliche, entspannte Haltung, erhebt sich wieder, ohne dass etwas knackt im Knie, und erklärt: „So vermeide ich Verletzungen wenn ein Anfall kommt.“

Wir setzen uns, und er fährt fort: „Zum Opium noch Folgendes: Seit dreißig Jahren schon plädiere ich für die Tilgung aller Paragraphen die Drogenkonsum, Abtreibung und unzünftiges Heilen reglementieren. Ich bin für die Entkriminalisierung der Selbstbeschädigung. Bin Mitbegründer von zwei Institutionen gewesen. Die eine trat für das Recht des Puertoricaners ein, seine eigenen Toten selbst begraben zu dürfen. Die zweite, die Drug-research Association diente zum Umgang mit den so genannten Gewöhnung erzeugenden Drogen. Es gibt nicht nur das Definitionsmonopol der Medizin für Gesundheit respektive Krankheit, es wurden auch die Mittel monopolisiert, die es jedem erlauben, selbst mit dem Schmerz zurechtzukommen. Das zu verhindern ist auch Teil der Drogenpolitik. Der amerikanischen Gesandtschaft ist es beispielsweise damals gelungen, den mexikanischen Ärzten im Dorfbetrieb die Verabreichung aller schweren, schmerzstillenden Mittel – natürlich inklusive Opium – zu untersagen. Amerikaner könnten über die Grenze kommen und sie sich aneignen. Man ließ die Leute mit schweren terminalen Schmerzen sterben, ungestillt! Das ist ungeheuerlich! Das Argument ist immer die Sucht. Aber ich nehms jetzt seit 18 Jahren. Von einer Gewöhnung würde ich kaum sprechen, schon gar nicht von Sucht. Ich nehme nicht genug davon. Jetzt habe ich grade für einen Monat etwa keins genommen, um dem, was man Schmerzen nennt, gegenüberzustehen; möglichst gelassen. Aber das Ungemach ist dann so … pff … stark, dieses Bohren, dieses Krallen … diese“, er seufzt, „großen Verzerrungen meines Gesichtes, dass ich dem doch nicht gelassen gegenüberstehen kann, auf Dauer. Es ist gut, dass ich durch gutes, tiefes Einatmen des Opiums fähig bin, mir nichts anmerken zu lassen. Die Qualität und Wirksamkeit dieses Stoffes schafft mir eine Plattform, von der aus ich an die Öffentlichkeit gehen kann.“

Er deutet auf sein Gepäck. „In den letzten drei Jahren bin ich im Frühjahr zwei bis drei Monate in Mexiko, wo ich 15 Jahre lebte, im Spätsommer bis Herbst habe ich in den Vereinigten Staaten ein halbes Semester unterrichtet, und von Herbst bis Frühjahr bin ich an der Universität Bremen. 12 Jahre Regiment mit Barbara, das haben wir geschaffen. Mein Kampagnen-Leben der 60er- und 70er-Jahre habe ich vollkommen aufgegeben. Ich habe es auch aufgegeben, Interviews zu geben, habe mich geweigert im Fernsehen aufzutreten, lehnte Radiointervies ab, enthielt mich vollkommen.“ Er lacht, „Ich lebe in partieller Verweigerung, Verweigerung, bestimmte Dinge zu denken, zu sagen, bestimmte Worte, Begriffe zu benutzen. Viele Gewissheiten, in denen es sich früher leben ließ, sind dahin, die Theorien, die Einfälle, die Einsichten und Geistesblitze sind in der Macht des Faktischen aufgegangen. Aber an diese Momente erinnert man sich. Ich war ein diszipliniert arbeitender Historiker, Sozialwissenschaftler. Jetzt will ich die Welt von einer Esstischhaltung aus sehen, mit Freunden. Jetzt will ich bestimmt keine Zeit mehr verlieren … Wie heißt das auf Arabisch? ,Zeit, der Herr des Dämmerns, der hinter der Tür steht‘ … Der Abenddämmerung. Sie kommt in der Wüste in sieben Schritten, dann ist es dunkel.“

taz Nr. 6509 vom 30.7.2001, Seite 13-14, GABRIELE GOETTLE