Thomas Raab

Springen

„Der Buschmann schlägt mithilfe seiner Machete mit heftigen Armbewegungen eine Spur durch das dichte Blattwerk. Mit Überzeugung, aber ohne eine Ahnung, was hinter der nächsten Astgabel wartet.
Unsereins ist mit asphaltierten Straßen, geregelten Kreuzungen und Haftpflichtversicherungen versorgt und zaudert bei jedem kleinen Schritt ins Ungewisse, als ginge es ums Leben. Da muss schon auf den geebneten Wegen aus allen Himmelsrichtungen eine Legion schicksalshafter, lebensbedrohlicher Dampfwalzen à la Krankheit, Konkurs und Katastrophen anderer Art daherrollen, damit so ein selbstverliebt dahinrottender Erdenbürger auf die Idee kommt, auf seinem Weg auch springen zu können.
Meistens wird denen, die den Sprung wagen, vorgehalten, sie hätten einen Sprung in der Schüssel. Nur wehe, sie landen wohlbehalten auf einer anderen Ebene, dann springen die ehemaligen Nörgler, Miesmacher und Besserwisser mit gierig ausgestreckten Klauen hinterher.“

Aus: Thomas Raab: Der Metzger sieht rot. S. 317

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Weitergehen

„Etwas fängt an, etwas hört auf, als ständige Begleitmusik der Existenz. Anfang und Ende als überbewertete, abgedroschene Metapher. [Ihm] wird klar, dass das schlichtweg nicht stimmt. Das Weitergehen ist es. Allein das ständige Weitergehen, unabhängig aus welcher Richtung der Wind pfeift. Wir wissen nur nicht, was ans Leben anschließt und was ihm vorausgeht. Aber hier, im beschränkten Ausschnitt des Daseins hört etwas auf und fängt gleichzeitig etwas an, geht es immer weiter, bis zum Wechsel ins Unsichtbare.
Das Unsichtbare gibt es auch im Diesseits. Die Wirklichkeit ist immer eine Frage der Perspektive.“

Aus: Thomas Raab: Der Metzger sieht rot. S. 308