Klaus Wagenbach

Der wilde Leser

„Die Feuilletons enthalten immer mehr Informationen über die Meinungen der Redakteure und immer weniger Informationen über Bücher, und die Buchhandlungen werden immer größer und zugleich leerer – man betritt halbleere „Erlebnisräume“, in deren Mitte sich Glaskugeln mit Elektronenblitzen befinden und an deren Seitenwänden keineswegs Gedankenblitze schimmern, sondern Stapelware dümmster Sorte. Während immer mehr Buchhändler im eignen Laden vor Langeweile umfallen werden, steht der immer mehr allein gelassene Leser dumm da, obwohl er sich ja gerade schlau machen möchte.

Er steht zudem vor einer Welt, die nun auch nicht gerade die Originalität herausfordert, sondern überwiegend nach dem binären Prinzip organisiert ist: X oder O. Dagegen war die Aufforderung „Deine Rede sei ja, ja, nein, nein“ noch geradezu revolutionär. Einer Welt, der die schönen Konjunktive oder Operative ebenso fremd sind wie ein bloß spekulatives Denken – das aber ist die Welt der Bücher. Und er steht vor einer Welt, die auf eine „Eindrittelgesellschaft“ hinausläuft, auf eine Gesellschaft, an der zwei Drittel nicht mehr teilnehmen wollen, können oder dürfen und in der das sozial und politisch aktive Drittel ein „zerbrechliches Inseldasein“ (so Oskar Negt) führt.
Das Problem ist nun, wie der im Stich gelassene, unberatene, potentielle Leser zum tatsächlichen Leser wird. Woher er, selbst ein Ergebnis der stattgehabten Klassenverschleifung, der untergegangenen Salonkultur, der preisgegebenen Bildungsautorität und der Verengung des gesellschaftlich aktiven Teils der Bevölkerung, woher er die Kräfte nimmt für Widerstand und Autonomie? Denn die braucht er, um die Buchhandlungen zu finden, die ihm seine Wünsche erfüllen, die Zeitungen, die ihm die nötigen Rezensionen liefern, um sich – allein oder mit anderen – ein eigenes Bildungs- und Informationsnetz zu knüpfen. Dieser wilde Leser muß sich ja förmlich mit den Fäusten durchschlagen, wenn nicht mit der bekannten Kafkaschen Axt für das gefrorene Meer in uns!
Sehr viel verlangt, aber der Rückenwind kommt unmittelbar aus einer Gesellschaft, die ihn immer mehr in einen Zustand der inneren Leere und der äußeren Bedrohung geraten läßt. Die Kraft für den wilden Leser kommt – nehmen wir einmal an – aus den Gegenkräften.
Gewiß ist das nicht. Und viele werden diesen Weg nicht gehen. Und was die übriggebliebenen wilden, autonomen Leser mit ihren keineswegs (wie früher) gebündelten, sondern höchst disparaten Wünschen für die Produktion von Büchern bedeuten möge, das steht in den Sternen. Vorerst bleibt ungewiß, ob der wilde Leser nur kurzfristige Lösungen sucht – die ‚Ratgeberliteratur‘ spricht eher dafür – oder ob da langfristige Phantasien am Werk sind, der Versuch, etwas von dem zurückzugewinnen, was früher einmal die allseits gebildete Persönlichkeit genannt wurde. Für sich selbst mehr zu erfahren, als von den Massenmedien zu erfahren ist. Der Neugier auf eine andere als bloß konsumistische Gesellschaft nachzugeben. Solche langfristigen Phantasien und derart grenzüberschreitende Begierden sind aber ohne Bücher nicht denkbar.“
Klaus Wagenbach (Verleger), 1994.

Aus: Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers, 2010, S. 274-275

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