Gillian Flynn: Gone girl

Scripted reality

„Es kam mir vor, als könnte es nie wieder etwas Neues für mich zu entdecken geben. In unserer Gesellschaft war nichts Originäres mehr, nur Derivate – alles absolut und ruinös unoriginell (obwohl unoriginell, wenn man es als Kritik verwendet, ja im Grund selbst unoriginell ist). Wir waren die ersten menschlichen Wesen, die nichts mehr wirklich zum ersten Mal sahen. Wir glotzten auf die Wunder der Welt, mit glasigen Augen, letztlich unbeeindruckt. Mona Lisa, die Pyramiden, das Empire State Building. Raubtiere beim Angriff, kollabierende uralte Eisberge, Vulkanausbrüche. Ich konnte mich an nichts Staunenswertes erinnern, was ich jemals aus erster Hand gesehen und nicht sofort in Bezug zu einem Film oder einer Fernsehsendung gebracht hätte. Oder zu einem blöden Werbespot. Wir alle kannten den schrecklich blasierten Spruch: Kenn ich doch alles schon! Ja, ich hatte alles schon gesehen, buchstäblich, und das Schlimmste daran war – das, weshalb ich mir manchmal am liebsten das Hirn wegblasen wollte: Die Erfahrung aus zweiter Hand war immer die bessere. Das Bild war klarer, der Blick schärfer, Kamerawinkel und Soundtrack beeinflußten meine Emotionen auf eine Art, wie es die Realität längst nicht mehr konnte. Ich war nicht sicher, ob wir überhaupt noch menschlich waren, wir – und das waren die meisten -, die mit Fernsehen und Filmen und nun auch noch mit Internet aufgewachsen waren. Wenn man uns betrog, wußten wir, was wir sagen mußten, wenn ein geliebter Mensch starb, wußten wir, was wir sagen mußten. Egal, ob wir den Macker oder den Klugscheißer oder den Schwachkopf spielen wollten, wir wußten immer, was wir sagen mußten. Wir funktionierten alle nach dem gleichen eselsohrigen Skript.
Wir lebten in einer Zeit, in der es schwierig was, ein Mensch zu sein, eine reale, echte Person und nicht nur eine Ansammlung von Persönlichkeitszügen, ausgewählt aus einem endlosen Katalog von Charakteren.
Und wenn wir alle schauspielerten, konnte es so etwas wie einen Seelenpartner nicht geben, denn wir hatten ja keine authentische Seele mehr.
Der Punkt war gekommen, an dem nichts mehr eine Rolle zu spielen schien, weil weder ich noch sonst jemand eine reale Person war.“

Aus: Flynn, Gillian: Gone girl. – 5. Aufl. – Frankfurt/M.: Fischer, 2013. – S. 105-106

Werbeanzeigen