Scripted reality

„Es kam mir vor, als könnte es nie wieder etwas Neues für mich zu entdecken geben. In unserer Gesellschaft war nichts Originäres mehr, nur Derivate – alles absolut und ruinös unoriginell (obwohl unoriginell, wenn man es als Kritik verwendet, ja im Grund selbst unoriginell ist). Wir waren die ersten menschlichen Wesen, die nichts mehr wirklich zum ersten Mal sahen. Wir glotzten auf die Wunder der Welt, mit glasigen Augen, letztlich unbeeindruckt. Mona Lisa, die Pyramiden, das Empire State Building. Raubtiere beim Angriff, kollabierende uralte Eisberge, Vulkanausbrüche. Ich konnte mich an nichts Staunenswertes erinnern, was ich jemals aus erster Hand gesehen und nicht sofort in Bezug zu einem Film oder einer Fernsehsendung gebracht hätte. Oder zu einem blöden Werbespot. Wir alle kannten den schrecklich blasierten Spruch: Kenn ich doch alles schon! Ja, ich hatte alles schon gesehen, buchstäblich, und das Schlimmste daran war – das, weshalb ich mir manchmal am liebsten das Hirn wegblasen wollte: Die Erfahrung aus zweiter Hand war immer die bessere. Das Bild war klarer, der Blick schärfer, Kamerawinkel und Soundtrack beeinflußten meine Emotionen auf eine Art, wie es die Realität längst nicht mehr konnte. Ich war nicht sicher, ob wir überhaupt noch menschlich waren, wir – und das waren die meisten -, die mit Fernsehen und Filmen und nun auch noch mit Internet aufgewachsen waren. Wenn man uns betrog, wußten wir, was wir sagen mußten, wenn ein geliebter Mensch starb, wußten wir, was wir sagen mußten. Egal, ob wir den Macker oder den Klugscheißer oder den Schwachkopf spielen wollten, wir wußten immer, was wir sagen mußten. Wir funktionierten alle nach dem gleichen eselsohrigen Skript.
Wir lebten in einer Zeit, in der es schwierig was, ein Mensch zu sein, eine reale, echte Person und nicht nur eine Ansammlung von Persönlichkeitszügen, ausgewählt aus einem endlosen Katalog von Charakteren.
Und wenn wir alle schauspielerten, konnte es so etwas wie einen Seelenpartner nicht geben, denn wir hatten ja keine authentische Seele mehr.
Der Punkt war gekommen, an dem nichts mehr eine Rolle zu spielen schien, weil weder ich noch sonst jemand eine reale Person war.“

Aus: Flynn, Gillian: Gone girl. – 5. Aufl. – Frankfurt/M.: Fischer, 2013. – S. 105-106

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10 Kommentare

  1. …das bezeichnet perfekt den Zustand, in welchem wir uns befinden…und tatsächlich, ich höre kaum noch Musik, lese kaum noch Bücher, Filme sehe ich nicht an…fühle mich am wohlsten mitten in wilder Natur, wo mir alles rein erscheint, unberührt von menschlicher Einmischung…wenn man doch nur lange genug darin verweilen könnte, bis sich all die künstlichen Eindrücke verflüchtigt haben…

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    1. Ein Bekannter von mir machte vor ein paar Jahren mal eine Reise mit seinen halbwüchsigen Kindern im Campingbus durch die USA. Die Kinder waren des Reisens schnell überdrüssig. Als sie das erste Mal den Grand Canyon sahen – mein Bekannter sprach von einem überwältigenden Eindruck – winkten die Kinder bloß ab: Kennen wir schon – aus dem Fernsehen, wahrscheinlich elegant von einem Helikopter abgefilmt, in 10 Minuten hat man die verschiedensten Eindrücke eingefangen, präsentiert mit salbungsvoller Musik. Film und Fernsehen pfuschen in unseren Gefühlen herum, und es ist schwer, sich davon wieder zu befreien.

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      1. …was den Menschen dadurch verloren geht…Eindrücke konsumieren, aber nicht mehr wirklich leben, nicht mehr wirklich staunen und sich freuen, wie arm sie sind…aber die völlige Abhängigkeit von Medien garantiert die völlige Steuerbarkeit…

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  2. Über so etwas hab ich schon öfter nachgedacht, allerdings weigere ich mich immer in diese düstere Weltuntergangs-Stimmung einzutauchen. Ich bin sehr froh, daß mich da andere Kräfte tragen.
    Aber was ich mir sehr sehr wünsche ist, daß wir alle unsere Unschuld zurück bekommen könnten, daß wir nicht immer sofort an was Böses denken, wenn irgendwas geschieht.
    Wenn ein Jugendlicher nach der Tasche einer Oma greift, will er ihr natürlich nicht beim Tragen helfen, sondern sie klauen.
    Wenn jemand uns was schenkt, ist es garantiert entweder etwas, das er nicht mehr haben will oder es steckt eine Absicht dahinter.
    Free hugs dienen nur einem Werbezweck. Jemand, der uns nette e-mails schreibt, ist garantiert in reale ein armseliger Wixer. Und natürlich jeder der mit einem Flugzeug irgendwohin will ist ein potentieller Attentäter.
    Alle Fotos sind retuschiert, alle Freundlichkeiten dienen Verkaufszwecken, alle Beziehungen sind nur Lebensabschnittserfahrungen und Kinder nur dazu da, damit man all die niedlichen Sachen bei ebay ersteigern kann und natürlich weil alle im Prenzlberg jetzt so was haben.
    Ich will die Welt so nicht sehen. Und glücklicherweise, weil ich das nicht tue, mache ich auch ganz andere Erfahrungen.
    Nur am Flughafen werde ich wie jeder andere Unschuldige auch in die Terrorismushysterie nach der Art Amilands hinein gezogen.

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    1. Leider passiert ja oft genug das Böse (in Köln ist der Antanz-Trick sehr beliebt: Partywillige Leute werden auf der Straße von scheinbar gutgelaunten Leuten angetanzt, das dauert nicht lang, und hinterher ist man sein Portemonnaie und sein Handy los. Wenn man sich wehrt, wird man nicht selten zusammengeschlagen), aber ich weiß, was Du meinst: Etwas mehr Ursprünglichkeit würde uns guttun. Die Psychologisierung des Alltags und die beispielgebende Vermittlung durch Massenmedien haben eine sehr ungute Entwicklung gefördert, deren Ausmaß, glaube ich, noch gar nicht abzusehen ist.

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      1. Ich weiß, es gibt all das ja auch. So traurig das ist.
        Aber ich wünschte, man würde nicht immer gleich das Schlimmste von allem denken. Obwohl ich Meisterin darin bin. Was aber daran liegt, daß ich so abgeschieden wohne und mich oft auf das verlassen muß, was ich so höre. Wenn man keine eigenen Erfahrungen hat, glaubt man eben das, was andere sagen.
        Sonst glaube ich lieber nur das, was ich selber sehe. Aber nicht immer einfach.

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