Irritationen

„Neben Sicherheit und Rationalisierung bringt ein gemeinsamer Alltag auch Irritationen mit sich. In seinem Buch Was sich liebt, das nervt sich hat der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann die kleinen Ärgernisse untersucht, die Paare im Alltag erleben. Er beschreibt sie als kleine Irritationen, die entweder den Charakter eines Menschen („warum liest du ausgerechnet Zeitung, während ich aufräume?“, „warum wirfst du mir immer vor, ich würde mich nicht genug um dich kümmern?“) oder seine Art und Weise, mit Dingen umzugehen, betreffen („warum schraubst du nie den Deckel richtig zu?“, „warum schnüffelst du immer am Essen herum, bevor du ißt?“). Diese Irritationen beziehungsweise ihr Anlaß, relativ kleine oder unbedeutende Gesten oder Wörter, scheinen eine typisch moderne Erfahrung zu sein, in der sich ein neues Verständnis und eine neue Organisationsform von Beziehungen widerspiegelt. Kaufmanns Analyse gewährt keine Einsicht in die Gründe, warum das moderne Alltagsleben einen so fruchtbaren Boden für diese Form von „Gereiztheit“ bietet. Meines Erachtens verdanken sich derartige Irritationen der Art und Weise, wie Häuslichkeit durch institutionalisierte Nähe und Intimität organisiert wird, wie wir dies nennen könnten.
Intimität wird durch verschiedene sprachliche Strategien hergestellt, die alle darauf abzielen, die Distanz zwischen zwei Menschen abzubauen. Zu diesen Strategien gehört es etwa, tiefere Schichten seiner Identität zu offenbaren, einander seine am besten gehüteten Geheimnisse zu verraten, sein Inneres ungeschützt preiszugeben, in einem Zimmer im Bett zu schlafen, seine Freizeit gemeinsam zu gestalten, um miteinander am selben Ort Zeit zu verbringen. Die außergewöhnliche Zunahme an Freizeit im 20. Jahrhundert läßt sich nicht davon trennen, daß Männer und Frauen ihre Freizeit zunehmend als Begegnungsort nutzen, um gemeinsame Erfahrungen zu sammeln und miteinander vertraut zu werden. Vertrautheit und Nähe sind gewiß die Hauptziele von Paarbildung und Intimität. Zusammen mit der Rationalisierung des Alltags institutionalisiert die Vertrautheit das Selbst derart, dass es das Ferne, Unvertraute oder Unvorhersehbare an einer anderen Person beseitigt. Doch auch wenn dies auf den ersten Blick nicht einleuchtet, führen meines Erachtens Vertrautheit und Nähe in Wirklichkeit zu größeren „Irritationen“.
Man kann dies mit einem Umkehrschluß plausibel machen. Wie eine Untersuchung zeigt, sind Fernbeziehungen stabiler als Nahverhältnisse. Die Forscher begründen dies damit, daß es leichter fällt, seinen Partner zu idealisieren, wenn er entfernt lebt. Idealisierung ist negativ mit der Frequenz der Interaktion korreliert. Es fällt leichter, positiv über den anderen zu denken, wenn er abwesend ist. Umgekehrt institutionalisieren zusammenlebende Paare ihre Beziehung in verschiedener Weise durch Nähe: Sie teilen Raum, Zimmer und Bett, sie unternehmen gemeinsame Freizeitaktivitäten und inszenieren ihr wahres Selbst durch den ritualisierten Ausdruck von Authentizität. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein sahen die familiären Strukturen in der Oberschicht noch ganz anders aus: Männer und Frauen schliefen nicht unbedingt im selben Schlafzimmer; sie verbrachten ihre freie Zeit getrennt und teilten einander nicht permanent ihre Gefühle und ihr Innenleben mit. Zur Veranschaulichung des anderen kulturellen Musters dessen, was Menschen im 19. Jahrhundert als „Probleme“ ansahen, möchte ich aus einem Brief zitieren, in dem Harriet Beecher Stowe ihrem Mann gegenüber die Probleme ihrer Ehe zusammenfasst:

„Wenn ich über unsere künftige Verbindung, unsere Ehe, und die früheren Hindernisse auf dem Weg zu unserem Glück nachdenke, so scheint mir, dass sie von zweier- oder dreierlei Art sind. Erstens von jener körperlichen Art sowohl bei Dir als auch bei mir, wie der hypochondrischen kränklichen Labilität auf Deiner Seite, für welche die einzige Medizin in leiblicher Pflege und der Beachtung der Gesetze der Gesundheit besteht, und auf meiner Seite gibt es jenes Übermaß an Empfindlichkeit und Desorientiertheit sowie mangelnder Kontrolle über meinen Geist und mein Gedächtnis. Dies steigert sich bei mir immer im Verhältnis dazu, wie man mich tadelt und an mir herumkrittelt, und ich hoffe, daß es mit zunehmender Gesundheit nachlassen wird. Ich hoffe, dass wir beide von einem höchst feierlichen Gefühl für die Wichtigkeit einer klugen und permanenten Beachtung der Gesetze der Gesundheit erfüllt sein werden.
Dann an zweiter Stelle das Fehlen eines jeglichen konkreten Plans gegenseitiger Wachsamkeit, was unsere wechselseitige Verbesserung angeht, einer festgesetzten Zeit und Örtlichkeit, um dies in der festen Entschlossenheit zu betreiben, dass wir einander verbessern und voneinander verbessert werden, um wechselseitig unsere Fehler gestehen und füreinander beten, daß wir geheilt werden mögen …“.

An heutigen Standards gemessen erscheint diese Beschreibung von Beziehungsproblemen so nüchtern wie distanziert, das heißt, sie geht nicht davon aus, daß jeder der beiden Partner die einzigartige Veranlagung des anderen erkennen und nach größtmöglicher Verschmelzung streben sollte. Sie bringt vielmehr die Auffassung zum Ausdruck, daß beide versuchen müßten, ihr jeweiliges Selbst und das des anderen zu „verbessern“. Dies steht im Gegensatz zu zeitgenössischen Modellen von Nähe und Intimität.
In einer Beschreibung der Struktur des Alltagslebens vieler Paare heißt es:

„In ihren alltäglichen Gesprächen ‚überprüfen Partner gegenseitig ihre Gelüste, Begierden und Einstellungen; sie verkünden ihre Werte; legen die Struktur ihrer Besorgnisse offen; enthüllen ihren Bindungsstil; und reden im übrigen frei über eine Vielzahl an Themen, die offen wie unterschwellig deutlich machen, was sie meinen, und Hinweise darauf geben, was andere meinen. Die empirischen Belege scheinen die Wichtigkeit der Alltagsgespräche zu belegen.“ [Stafford und Merolla, 1994]

Diese Art des Gesprächs, in dem man sein Seelenleben und seine Präferenzen offenlegt, hat den Effekt, Formen intensiver Vertrautheit zu schaffen, die der Fähigkeit, Distanz zu wahren, entgegenstehen. Kognitiv verhält sich Vertrautheit zu Gefühlen so wie Nähe zu Wahrnehmungen: Eine gewisse Entfernung von einem Gegenstand macht es leichter, das Material in kulturelle Formen zu gliedern und somit auf seine Gestalt zu achten. Die Nähe zu einem Gegenstand hingegen führt dazu, daß man sich auf die einzelnen Bestandteile der Erfahrung konzentriert. Auf den Alltag und romantische Beziehungen umgemünzt bedeutet dies meiner Ansicht nach, daß Nähe einen stärker auf die einzelnen und für sich stehenden Momente des täglichen Lebens achten läßt, jedoch die Fähigkeit schwächt, auf deren kognitive Form zu achten, auf die kulturelle Gestalt, die diese Momente in die Lage versetzt, emotionale Lebendigkeit hervorzurufen. Anders gesagt: Die Institutionalisierung von Intimität und Nähe ruft Irritationen und Enttäuschungen hervor, weil sie die Partner dazu bringt, sich unentwegt aufeinander und weniger auf die kulturelle Gestalt ihrer Gefühle zu konzentrieren.
Einer der Gründe, warum Distanz Idealisierung ermöglicht, besteht darin, daß sie die andere Form von Bewußtsein aktiviert, also jene Form von Gedächtnis, das sich an gute Erlebnisse erinnert, sowie die vorgreifende Vorstellung, die diese Erinnerungen zu ästhetischen Szenen anordnet. Distanz ermöglicht die Vorwegnahme einer Begegnung nach Gedächtnisskripten und kognitiven Formen, die das alltägliche Leben ästhetisieren, sich in der kognitiven Offenheit des Alltags jedoch schnell verlieren. Gerade weil sich Gefühle leichter bilden, wenn sie mit klar konturierten (ästhetischen) Formen interagieren, ermöglicht Entfernung intensivere Empfindungen, Empfindungen, die deshalb intensiver sind, weil sie in deutliche und genau umrissene Muster gegliedert sind.“

Aus: Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Berlin: Suhrkamp, 2011. S. 396-401

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7 Kommentare

    1. Zufall. Ich les schon seit ein paar Wochen das Buch und bin fast durch: Großartig! – wenn man mal von dem Soziologenkauderwelsch absieht, was manchmal doch sehr arg ist. Vielleicht erzähle ich nochmal genauer davon … es steht nicht gut um unsere romantischen Liebesvorstellungen.

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      1. Unsere?
        Also in den 3 Jahren in denen wir uns nun so „kennen“, habe ich nie den Eindruck gehabt, daß du da besonders romantische Vorstellungen hast oder jemals hattest. Im Gegenteil, ich erinnere nur an „Zusammenleben ist der Totengräber der Liebe“. (ich sehe das ja nicht viel anders)

        Ich komme (leider) immer mehr zu dem Schluß, daß die romantische Liebe die unglückliche=unerfüllte ist.
        Und im Alltag. Wie gesagt, wenn man da freundschaftlich miteinander harmoniert, kann man schon von Glück reden.

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        1. Sag‘ ich ja *g*.

          Ja, daß ist oft der Erkenntnisprozeß: Bei der ersten Liebe ist man voller überschwänglicher Erwartungen, bei den letzten von leicht bitterer Abgeklärtheit. Wieso es dazu kommt, welche Bilder da vorherrschen, wie sich das historisch entwickelt hat – davon handelt das Buch.

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          1. Von der spirituellen Seite her gesehen, habe ich noch einen anderen Ansatz: Wenn es Liebe nicht gäbe, würde sich niemand mit einem anderen Menschen so tief auseinander setzen. Aber genau dies ist Voraussetzung für seelisches Wachstum.

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  1. Puh, gar nicht so einfach zu lesen. Wir haben wohl heute eine sehr überhöhte Sichtweise auf Beziehungen und verlangen sehr viel davon. Vermutlich weil es eben heute eine Option von mehreren ist, eine Beziehung zu haben. Das war früher doch anders, da wurde insbesondere eine Frau nicht gefragt, ob sie eine Ehe führen wolle und auch Männer hatten wohl oft keine Wahl, wollten sie gesellschaftlich akzeptiert sein.

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    1. Ja, stimmt, das beschreibt sie auch, ich erinnere mich: Im Bürgertum wurden Ehen arrangiert, allein schon aus Gründen der Besitzstandswahrung. Ehe und Partnerschaft aus Liebe ist eine Entwicklung aus der Arbeiterschaft, da hatte man nichts zu verlieren.

      Eva Illouz ist eine Soziologin, Soziologen haben eine ganz eigene Sprache, die einem manchmal furchtbar auf die Nerven gehen kann, manchmal hatte ich den Eindruck, sie schreibt nur für ihre Fachkollegen. Aber nach einer Zeit hat man sich eingelesen, und dann ist es wirklich sehr aufschlußreich und fesselnd.

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