Der wilde Leser

„Die Feuilletons enthalten immer mehr Informationen über die Meinungen der Redakteure und immer weniger Informationen über Bücher, und die Buchhandlungen werden immer größer und zugleich leerer – man betritt halbleere „Erlebnisräume“, in deren Mitte sich Glaskugeln mit Elektronenblitzen befinden und an deren Seitenwänden keineswegs Gedankenblitze schimmern, sondern Stapelware dümmster Sorte. Während immer mehr Buchhändler im eignen Laden vor Langeweile umfallen werden, steht der immer mehr allein gelassene Leser dumm da, obwohl er sich ja gerade schlau machen möchte.

Er steht zudem vor einer Welt, die nun auch nicht gerade die Originalität herausfordert, sondern überwiegend nach dem binären Prinzip organisiert ist: X oder O. Dagegen war die Aufforderung „Deine Rede sei ja, ja, nein, nein“ noch geradezu revolutionär. Einer Welt, der die schönen Konjunktive oder Operative ebenso fremd sind wie ein bloß spekulatives Denken – das aber ist die Welt der Bücher. Und er steht vor einer Welt, die auf eine „Eindrittelgesellschaft“ hinausläuft, auf eine Gesellschaft, an der zwei Drittel nicht mehr teilnehmen wollen, können oder dürfen und in der das sozial und politisch aktive Drittel ein „zerbrechliches Inseldasein“ (so Oskar Negt) führt.
Das Problem ist nun, wie der im Stich gelassene, unberatene, potentielle Leser zum tatsächlichen Leser wird. Woher er, selbst ein Ergebnis der stattgehabten Klassenverschleifung, der untergegangenen Salonkultur, der preisgegebenen Bildungsautorität und der Verengung des gesellschaftlich aktiven Teils der Bevölkerung, woher er die Kräfte nimmt für Widerstand und Autonomie? Denn die braucht er, um die Buchhandlungen zu finden, die ihm seine Wünsche erfüllen, die Zeitungen, die ihm die nötigen Rezensionen liefern, um sich – allein oder mit anderen – ein eigenes Bildungs- und Informationsnetz zu knüpfen. Dieser wilde Leser muß sich ja förmlich mit den Fäusten durchschlagen, wenn nicht mit der bekannten Kafkaschen Axt für das gefrorene Meer in uns!
Sehr viel verlangt, aber der Rückenwind kommt unmittelbar aus einer Gesellschaft, die ihn immer mehr in einen Zustand der inneren Leere und der äußeren Bedrohung geraten läßt. Die Kraft für den wilden Leser kommt – nehmen wir einmal an – aus den Gegenkräften.
Gewiß ist das nicht. Und viele werden diesen Weg nicht gehen. Und was die übriggebliebenen wilden, autonomen Leser mit ihren keineswegs (wie früher) gebündelten, sondern höchst disparaten Wünschen für die Produktion von Büchern bedeuten möge, das steht in den Sternen. Vorerst bleibt ungewiß, ob der wilde Leser nur kurzfristige Lösungen sucht – die ‚Ratgeberliteratur‘ spricht eher dafür – oder ob da langfristige Phantasien am Werk sind, der Versuch, etwas von dem zurückzugewinnen, was früher einmal die allseits gebildete Persönlichkeit genannt wurde. Für sich selbst mehr zu erfahren, als von den Massenmedien zu erfahren ist. Der Neugier auf eine andere als bloß konsumistische Gesellschaft nachzugeben. Solche langfristigen Phantasien und derart grenzüberschreitende Begierden sind aber ohne Bücher nicht denkbar.“
Klaus Wagenbach (Verleger), 1994.

Aus: Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers, 2010, S. 274-275

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9 Kommentare

    1. Daran mußte ich auch denken, 1994 hatte der Wagenbach ja noch keine Ahnung davon. Allerdings bezweifle ich, daß das Internet einen gut informierten und engagierten Buchhändler oder eine gut sortierte Buchhandlung ersetzen kann. Die Empfehlungsfunktion bei Amazon z.B. („Wer dieses Buch gekauft hat, liest auch …“) gehorcht ja nur rein ökonomischen Interessen. Aber durch die zusätzliche Kommunikation mit Menschen, die man ohne das Internet nie kennengelernt hätte, gibt es natürlich, da hast Du recht, interessante Tipps, wie z.B. in Deinem Lesestoff-Blog.

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  1. …daran, dass Menschen auf der Suche sind, nach Erkenntnissen, Abenteuern und Büchern hat sich nichts geändert, glücklicherweise…und wer sucht und auf sein inneres Gespühr hört, der wird genau das Buch finden, das er gerade braucht…

    …die vielen Leute, die lesen, um ihre Zeit rumzubringen, die gibt es natürlich so wie es Fernsehkonsumenten gibt, doch die Suchenden sterben nicht aus, sie sind vielleicht heute nur schlechter in der Masse auszumachen…

    …und, wer kritische oder gar schlechte Rezensionen schreibt, der wartet vergeblich darauf, dass sie gedruckt werden…

    ..so wie in jeder Branche geht es auch auf dem Büchermarkt heute zuerst darum, Geld zu verdienen, das ist freilich schade, aber die bildende Aufgabe der Bücher besteht weiterhin, nebenher sozusagen…und eröffnet so manchem neue Horizonte…

    …also, ich sehe es nicht ganz so negativ wie Herr Wagenbach…
    und denke auch, dass der Nichtleser durchaus auch seine Chancen hat, lernen ist nicht an Bücher gebunden…

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    1. In den Zeitungen werden leider sehr häufig schlechte Rezensionen gedruckt, entweder sind sie oft so nichtssagend wie Klappentexte, oder der Rezensent badet in seiner Selbstdarstellung.
      Der Idealfall einer Buchhandlung ist die Anregung des Kunden, bisher Unbekanntes kennenzulernen, auf Literatur aufmerksam gemacht zu werden, auf die man sonst ohne Weiteres nicht gekommen wäre. Wagenbach hat wahrscheinlich diese kleinen linken Buchläden vor Augen, die es in den 70ern/80ern noch viel mehr gab als heute, die auch viel Literatur von Kleinverlagen ohne großen Werbeetat hatten, und wo man mit Hilfe eines gut informierten Buchhändlers Perlen finden kann. Die heutigen Buchpaläste bedienen hauptsächlich den Mainstream: Palettenweise liegen die Exemplare irgendeines (Fernseh-)Kochbuchs oder einer Blondinenbiographie („Sei schlau, stell dich dumm“) in den Regalen, das Besondere hat keinen Platz, weil es keinen schnellen Gewinn verspricht. Das Personal hat weder Zeit noch Ahnung und könnte auch Unterwäsche im Warenhaus verkaufen.
      Neugierde weiß ja oft nicht, was sie sucht, und wenn das Angebot ausschließlich ökonomischen Zwecken dient, ist es nur zufällig, wenn man mal was Gutes zwischen dem ganzen Müll findet.

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          1. …aber nebem allem wenn und aber ist das Internet auch recht informativ, so dass man sich gut umschauen kann, welches Buch demnächst zu lesen ansteht, außerdem gibt es bei Amazon unzensierte Rezensionen, von denen manche recht aufschlussreich sind…
            da ich hier sowieso keinen Buchladen in der Nähe habe, nutze ich dankbar das Netz, auch wenn so eine heimelige Atmosphäre im Lieblingsbuchladen mit einem engagierten Inhaber, der selber ein Büchernarr ist, natürlich nicht zu ersetzen ist…

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  2. Kommt mir sehr veraltet vor alles. Denn heutzutage ist man mit dem www glücklicherweise in der Lage, zu allem Verbindung herzustellen.
    Natürlich fehlt der gemütliche Buchladen von früher. Aber dann auch wieder nicht, ehrlich gesagt. Als Stadtmensch ja, als Landmensch nein.
    Antiquariate sind natürlich immer erste Wahl.

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