Entfremdung, Trennung

„… während der ungleichgewichtigen Zeiten macht es den einen unsäglich traurig und den anderen unsäglich wütend. Der Traurige weiß nicht, was er tun und wie er sich verhalten soll, er versucht das eine und das andere und das jeweilige Gegenteil, er zermartert sich das Gehirn, um abermals Interesse zu wecken oder sich vergeben zu lassen, obwohl er nicht weiß, was sein Vergehen ist, nichts nützt etwas, weil er bereits verurteilt ist, es nützt nichts, bezaubernd zu sein, oder unsympathisch, sanft oder widerspenstig, wohlwollend oder kritisch, liebevoll oder kriegerisch, aufmerksam oder abgestumpft, schmeichlerische oder einschüchternd, verständnisvoll oder undurchdringlich, alles ist Ratlosigkeit und verlorene Zeit. Und der Wütende ist sich bisweilen seiner Einseitigkeit und Ungerechtigkeit bewußt, aber er kann sie nicht vermeiden, er fühlt sich jähzornig, und alles, was vom anderen kommt, läßt ihn aus der Haut fahren, und das ist der größte Beweis, im persönlichen, täglichen Leben, daß niemals etwas objektiv ist und alles verdreht und verzerrt werden kann, daß kein Verdienst, kein Wert es für sich selbst sind ohne fremde Anerkennung, die meistens rein willkürlich ist, daß die Tatsachen und Haltungen immer von der Absicht abhängen, die man ihnen unterstellt, und der Interpretation, die man ihnen gibt, ohne diese Interpretation sind sie nichts, sie existieren nicht, sie sind neutral oder können ohne weiteres geleugnet werden. Was am offensten zutage tritt, wird geleugnet, was gerade geschehen ist und zwei gesehen haben, kann augenblicklich von einem der beiden geleugnet werden, man leugnet, was man in eben diesem Augenblick gesagt oder gehört hat, nicht gestern oder vor Zeiten, sondern erst vor einer Minute. Es ist, als würde nichts zählen, als würde nichts sich ansammeln oder Gewicht erlangen und als ginge alles unter, alles gleichgültig, ohne Berücksichtigung, ohne Erinnerung, Luft, aber schmutzige Luft, und für beide ist es zum Verzweifeln, für jeden auf andere Weise und stärker für den Traurigen. Bis alles zerbricht. Oder auch nicht, und dann zieht es sich in die Länge und wird innerlich angenommen, und äußerlich beruhigt es sich und kümmert vor sich hin, oder es wird bewahrt und verfault, ohne Aufhebens und im Verborgenen, wie etwas, daß man begräbt …“

Javier Marias: Dein Gesicht morgen, Bd. 1, S. 121/122

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7 Kommentare

    1. Das ist nett, daß Du fragst, alles ok. Ich lese das Buch gerade und finde es absolut faszinierend, wie sprachgewaltig, einfühlsam und tiefsinnig er das beschreibt. Genau so ist es mir schon ein paarmal gegangen, und genau so habe ich es schon bei anderen Paaren beobachtet.

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