Vorsitzender und Vizekanzler

„Nach seiner Rede vor den Altenpflegern spaziert Rösler mit Schwester Ruth, der Alt-Oberin des Klosters, über das Gelände, die Vögel zwitschern, ein paar Senioren sitzen im Rollstuhl und tanken Sonne. „Wir kommen jetzt auf den alten Amtssitz, der ist Hunderte von Jahren alt“, sagt Schwester Ruth.

„Uiiiiiih“, ruft Rösler, sichtlich begeistert, die Schwester freut das, sie fühlt sich beflügelt. „Und dort auf dem Innenhof“, sie zeigt auf den Platz, wo die Rollstühle in der Sonne stehen, „dort war früher ein riesiger Misthaufen.“ „Uiiiiih“, ruft Rösler erneut. Die beiden unterhalten sich eine Weile, es geht herzlich zu, dann muss der Minister zurück in seinen Dienstwagen. Der Abschied fällt ihm schwer.

Die Schwester steht da und schaut ihm nach. „Was für ein liebevoller Mensch“, seufzt sie schließlich. „Voller Empathie, und so sympathisch.“

„Schon merkwürdig, dass der in der FDP ist“, sagt einer der umstehenden Männer.

„Ist der echt FDP?“, fragt Schwester Ruth, sie wirkt fast geschockt. „Das ist ja ein Ding. Unter FDP hatte ich mir immer was anderes vorgestellt.“

Wieder im Auto sagt Rösler: „Ich spiel mal was von Udo Jürgens.“ Er fingert das iPhone aus der Brusttasche seines Hemdes und stöbert in seiner Musikbibliothek. Rösler liebt Udo Jürgens.

„Die Discos, in die ich gehe, haben erst eine Rockphase, dann eine Schlagerphase, und dann kommt Techno“, sagt er. „Und eins ist klar: Die geilste Stunde ist beim Schlager.“

Rösler hat jetzt die Udo-Jürgens-Lieder gefunden. „Manche Texte sind gar nicht so doof, wie viele sagen, toll sozialkritisch sind die und ziemlich politisch.“ Er spielt ein Lied an, es heißt „Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient“. Die ersten Töne erklingen. „Gut, ein bisschen schnulzig vielleicht, aber der Text, der Text.“ Auf dem Display des Ministers leuchtet das Gesicht von Udo Jürgens. „Jetzt mal hinhören.“ Dann fängt Udo Jürgens an zu singen, und Philipp Rösler summt mit:

Wer niemals schwach war,

wird nie wirklich stark.

Wer nie zu hoch greift,

erreicht nie die Sterne.

Wenn du nie aufgibst,

kommt einmal dein Tag.

Wer nie verliert,

hat den Sieg nicht verdient.

„Ich meine, hallo? Das ist doch klasse!“ Rösler schaut versonnen auf sein Display. „Und es gibt doch Trost.““

Quelle: Der Spiegel, 23.2010, S. 36 (Auszug)

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